Drei Männer sind derzeit vor dem Landgericht Bielefeld angeklagt, weil sie ihren ehemaligen Arbeitgeber, den Baukonzern Goldbeck aus Bielefeld, um mehrere Millionen Euro betrogen haben sollen. In den vergangenen Jahren soll das Trio von mehr als 30 Unternehmen mit mehreren Millionen Euro geschmiert worden sein.
Die Männer arbeiteten für eine Tochterfirma von Goldbeck, die etwa 200 Mitarbeiter beschäftigt und unter anderem Subunternehmer und Lieferanten für die Umsetzung von Großbaustellen beauftragt.
Wer beim Schmiergeldsystem mitmachte, erhielt den Auftrag für Arbeiten oder Materiallieferungen. Goldbeck ist damit ein Schaden in zweistelliger Millionenhöhe entstanden.
Der Drahtzieher des Schmiergeldsystems, ein 45-jähriger Projektleiter aus Ostdeutschland, nutzte Teile der illegal kassierten Gelder, um seinen Lieblingsfußballverein FC Erzgebirge Aue zu unterstützen, wie er auf Nachfrage der Richterin erklärte. Durch ein fingiertes Sponsoring soll der Verein, der viele Jahre in der 2. Bundesliga und heute in der 3. Liga spielt, in mehreren Tranchen etwas mehr als 40.000 Euro erhalten haben.
Das Geld soll über einen Zuliefererbetrieb, der Goldbeck mit Material belieferte, als offizielles Sponsoring an den Verein geflossen sein. Insgesamt soll der Geschäftsführer des Lieferanten in 17 Fällen Bestechungsgelder an das Trio gezahlt haben, um Aufträge für Bauprojekte zu erhalten. Teile der Kick-back-Zahlungen sollen nicht an den Goldbeck-Mitarbeiter ausgezahlt, sondern an den Sportverein weitergeleitet worden sein.
Das System der Geldzahlungen funktionierte laut den Ermittlern nach einem festgelegten Ablauf. Die Angeklagten beauftragten den Händler und sprachen mit diesem einen Preis ab. Wenn beim Preis noch etwas Luft nach oben war, ohne dass bei Goldbeck jemand Alarm schlagen würde, wurde dieser erhöht, ohne dass der Lieferant eine zusätzliche Leistung erbrachte. Die Differenz zwischen dem ursprünglichen Preis und der Erhöhung floss an die Goldbeck-Mitarbeiter.
Dass Teile des Schmiergelds an den Fußballverein in Form eines Sponsorings weitergeleitet wurden, war der Wunsch des 45-jährigen Projektleiters, wie er vor Gericht angab. Noch heute taucht der Name des Unternehmens, über das die Förderung des Klubs abgewickelt wurde, auf einer Internetseite von Erzgebirge Aue als Sponsor auf.
Auf Nachfrage bestätigt der Fußballverein, dass der Zulieferer in der Vergangenheit Sponsor des FC Erzgebirge Aue war. Aktuell sei das Unternehmen aber nicht mehr Unterstützer des Drittligisten. „Dem Verein war nicht bekannt, woher die vereinbarten finanziellen Leistungen stammten, es musste auch nichts zurückgezahlt werden“, teilt Pressesprecher Lars Töffling mit. Staatsanwaltschaft oder Polizei hätten sich im konkreten Fall auch nicht beim Verein gemeldet.
Mehr als eine Million Euro Schmiergeld sollen die drei ehemaligen Goldbeck-Mitarbeiter allein in bar kassiert haben. Das stellte das Trio offenbar vor Probleme. Sie verfügten zwischenzeitlich über so viel Geld in Papierform, dass sie dies nur schwer ausgeben konnten.
Das Bargeld nahm ein so großes Ausmaß an, dass die Frau eines Angeklagten (35) aus dem Kreis Lippe sich darüber lustig machte, dass ihr Mann fast alle Einkäufe und Rechnungen nur noch mit Bargeld bezahlte, wie während des dritten Verhandlungstags an die Öffentlichkeit kam.
Um das Geld loszuwerden, soll der ehemalige Goldbeck-Bauleiter im Unternehmen zahlreiche Spesenrechnungen nicht mehr eingereicht haben. Zudem habe er Geschäftspartner in Restaurants eingeladen, und die üppigen Rechnungen übernommen und mit Bargeld bezahlt.
Der Hauptangeklagte habe ebenfalls versucht, möglichst viele Ausgaben mit Bargeld zu begleichen. Darunter seien Kosten von privaten Bauprojekten gewesen, bei denen der 45-Jährige die Rechnungen eines Statikers in Höhe von 50.000 Euro mit Bargeld beglich, wie er vor Gericht erklärt hat.
Bei einem Grundstückskauf habe er dem Eigentümer neben dem Kaufpreis ebenfalls noch 100.000 Euro in Scheinen zukommen lassen. „Ich habe auch viel in bar bezahlt, wenn ich getankt oder bei McDonald’s gegessen habe“, sagt der Projektleiter. Ansonsten habe er aber normal und nicht im Luxus gelebt. „Ich habe mir keine teuren Uhren oder Schuhe gekauft.“
Viel Geld gaben zwei der Angeklagten offenbar auch für ihre Hobbys aus. So leistete sich der 35-jährige Bauleiter gleich mehrere Luxusautos der Marke Porsche. Gleich drei Fahrzeuge sollen bei dem Mann in der Garage gestanden haben.
Der Drahtzieher des Trios ist als Mitglied eines Motorradklubs bekannt und soll etwa 150.000 Euro in mehrere Zweiräder investiert haben. Dabei soll es sich um Crossmotorräder handeln, die jedoch nicht fahrbereit seien und nur als Ausstellungsstücke dienen würden. „Einzelstücke“, wie der gelernte Maler sagt.
Ermittler fanden die Zweiräder in einem Büro im fünften Stock eines Büros, wie sich Fotos aus den Gerichtsakten entnehmen lassen. Zuvor seien die Bikes mithilfe eines Krans durch ein offenes Fenster in die fünfte Etage gehoben worden, wie der ehemalige Goldbeck-Mitarbeiter sagt. Bezahlt worden seien die Motorräder nicht per Überweisung, sondern mit Bargeld.
Weitere Kuriositäten rund um den Prozess sorgen vor Gericht für Aufsehen: Laut der Anklageschrift habe Goldbeck im Rahmen eines Großprojekts in Niedersachsen Geld für Sand gezahlt, der nie geliefert worden sei. In das Geschäft soll ein Tiefbauunternehmen aus Ostwestfalen-Lippe verwickelt gewesen sein.
Weil die angeforderte Lieferung während der Bauarbeiten storniert worden sei, soll der Zulieferer offenbar in Schwierigkeiten geraten sein. Denn dieser soll den geforderten Sand mit einem Wert von etwa 757 000 Euro bereits bestellt haben.
Aus Sorge vor Schadensersatzforderungen durch seinen Lieferanten, sollen der Verantwortliche des Tiefbauunternehmens und das Goldbeck-Trio vereinbart haben, dass der Auftrag dennoch gegenüber dem Baukonzern abgerechnet werden soll. Für den Phantom-Sand sollen anschließend Scheinrechnungen für Beratungsleistungen und Provisionen verschickt worden sein, um Schmiergelder zu generieren.
Im Dezember 2023 soll das Tiefbauunternehmen laut Anklage etwa 302.000 Euro für „entgangene Gewinne“ an eine Tarnfirma überwiesen haben. Im Mai 2024 sollen dann noch einmal etwa 202.000 Euro für die „Vermittlung von Schüttgütern“ gezahlt worden sein.
Wenige Wochen später flog das Trio auf und der Hauptangeklagte musste in Untersuchungshaft, wo er gegenüber der Staatsanwaltschaft zwölfmal aussagte und umfassende Angaben machte.
Auch gegen das Tiefbauunternehmen ermittelte zwischenzeitlich die Staatsanwaltschaft Bielefeld. Nach Informationen der WirtschaftsWoche wurde das Verfahren gegen Verantwortliche der Firma gegen die Zahlung einer sechsstelligen Summe eingestellt.
Viele Taten können die Ermittler den Angeklagten nachhalten, weil sie über die Schmiergeldzahlungen Buch geführt haben. Wie viel Geld sie per Überweisung an Scheinfirmen oder in Form von Bargeld kassierten, hielt das Trio in mindestens zwei Excel-Tabellen fest. Dabei gingen die ehemaligen Goldbeck-Mitarbeiter wenig vorsichtig vor. Um sich gegenseitig zu kontrollieren, verschickten sie die Dateien über das E-Mail-Konto des Unternehmens.
Nachdem Goldbeck nach ersten Verdachtsmeldungen eine Anwaltskanzlei eingeschaltet hatte, wurden die Experten auf dem Firmenserver fündig. Bei der Auswertung der E-Mail-Konten der drei Mitarbeiter fanden sie auch die Nachrichten mit den angefügten Excel-Dateien. Weil neben den Summen auch die Geldgeber notiert wurden, profitierten von dem Fund auch die Ermittler von Polizei und Staatsanwaltschaft.
Seit Mitte Dezember läuft der Prozess gegen die drei Männer, die sich bereits geständig gezeigt haben. Zwei von ihnen müssen mit einer Haftstrafe rechnen. Für den dritten Angeklagten stehen eine Bewährungsstrafe sowie Sozialarbeitsstunden im Raum. Darauf einigten sich Richterin, Verteidiger und Vertreter der Staatsanwaltschaft in einer sogenannten „Verständigung zwischen Gericht und Verfahrensbeteiligten“. Das Urteil könnte im Februar fallen.
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