Es war die Stunde des Underdogs. Nach sechs Jahren des Nullzinses und einem rasanten Anstieg der Kosten fürs Geldleihen über ein Jahr hinweg entschied sich die Digitalbank C24 im Jahr 2023, den Tagesgeldzins auf vier Prozent anzuheben, als erstes Institut überhaupt. Sie war so plötzlich in aller Munde – und gewann in kurzer Zeit Tausende neue Kunden.
Drei Jahre sind seither vergangen. Und von der einst erfolgreichen Aufmerksamkeitsmasche scheint man bei der 2020 vom Vergleichsportal Check24 gegründeten Bank immer noch überzeugt zu sein. Die Zinsen hat C24 zwar längst wieder auf ein marktübliches Niveau korrigiert; die aktuell 0,75 Prozent genügen kaum, um auch nur die Sparkassen auszustechen. Aber die Münchner Bank hat ein anderes Alleinstellungsmerkmal gefunden: die Kontoführungsgebühren. Seit Herbst 2025 ist man mit einem kostenlosen Girokonto am Start. Und trifft damit einen Nerv. C24 hat in den neun Monaten seither 250.000 neue Nutzer gewonnen – und die Zahl seiner Kunden in nur fünf Jahren von null auf mehr als eine Million erhöht.
C24 wurde vom Provisionsbringer zur klassischen Einlagenbank
Dabei war der Publikumserfolg nicht das vorrangige Ziel der Bank: Anfänglich war C24 als eine Art Datenquelle für die Plattformen von Check24 gedacht, über die Millionen Menschen Versicherungen abschließen oder Stromtarife buchen. Die Idee: Kontoinhaber sehen in der App, wofür sie jeden Monat wie viel Geld ausgeben. Daraus leitet die Bank ab, welche Verträge ihre Kunden haben, und schlägt Anpassungen vor, natürlich über Check24. „C24 ist in der Nullzinsphase und einer allgemeinen Fintech-Euphorie mit einem Geschäftsmodell gestartet, das mangels erwirtschaftbarem Zinsüberschuss vor allem auf Provisionen für die Vermittlung von Produkten der Check24-Gruppe gesetzt hat“, unterstreicht ein ehemaliger Mitarbeiter.
Sechs Jahre später zeigt sich: Wirklich aufgegangen ist der Plan nicht. C24 ist heute eine normale Einlagenbank, die ihr Geld vor allem mit Zinsüberschüssen verdient.
Das gelingt auf den ersten Blick prächtig. Im Geschäftsjahr 2024/25 erzielte C24 rund 158 Millionen Euro an Zinserträgen; die Bank selbst zahlte in dem Zeitraum lediglich 93 Millionen Euro an Zinsen aus. Allerdings genügt diese Differenz allein offenbar nicht, um den Geschäftsbetrieb zu finanzieren: Trotz Zinsüberschüssen und Rekordzulauf schrieb die Bank zuletzt einen Verlust von 40 Millionen Euro.
Auch sonst ruckelt es im Haus. So herrscht an der Spitze der Bank seit Beginn ein Kommen und Gehen. Nachdem zunächst der ehemalige Targobank-Chef Franz Josef Nick C24 führte, übernahm ab 2022 Matthias Orlopp, Check24-Manager und Ehegatte der Commerzbank-Chefin Bettina Orlopp. Zwei Jahre später legte er sein Amt nieder. Außerdem hat man inzwischen die Geschäfte von Check24 und der C24-Bank ein Stück weit getrennt: Vor zwei Jahren übernahmen die Check24-Gründer Henrich Blase und Eckhard Juls einen Großteil der Bankanteile persönlich, nur noch neun Prozent liegen heute bei der Check24 GmbH.
BaFin-Sonderprüfer und Betrugsvorwürfe
Eine Konstante aber gibt es: Immer wieder überschatten regulatorische Probleme die Expansion. Seit 2022 hat die BaFin das Institut im Blick, im vergangenen Jahr setzte die Aufsicht bei C24 sogar einen Sonderbeauftragten ein.
Dass junge Fintechs mal mit den Aufsehern aneinandergeraten, ist nicht ungewöhnlich. In der Anfangsphase ist Wachstum wichtiger als Regelperfektion. Bei C24 dauern die Reibereien inzwischen vier Jahre an. 2022 ordnete die BaFin erstmals Maßnahmen an; zwei Jahre später verhängte sie eine millionenschwere Geldbuße. Und nun also hat C24 seit knapp acht Monaten einen von der BaFin bestellten Sonderermittler im Haus. Die Aufsicht hat 2025 erhebliche Mängel in der Geldwäscheprävention festgestellt. Der Aufpasser soll jetzt überprüfen, ob die Bank die festgestellten Mängel beseitigt.
Ob ihr das bereits gelungen ist, beantwortet die BaFin mit Verweis auf ihre Verschwiegenheitspflicht nicht.
Bei C24 wiederum schätzt man die Zusammenarbeit mit dem Sonderbeauftragten als durchaus gewinnbringend ein. Der Sonderbeauftragte gebe mit seiner Erfahrung in anderen Banken Anregungen, die das Haus umsetze, um so die Fehler zu vermeiden, die andere Banken gemacht hätten.
Fest steht: Die Bank wird noch ein bisschen mit der Sonderbeobachtung leben müssen. Laut Branchenkennern sei es durchaus üblich, dass Sonderprüfer zwei Jahre in einem Unternehmen im Einsatz sind.
Immerhin hat C24 für regulatorische Probleme vorgesorgt. Zuletzt wies das Unternehmen Rückstellungen in Höhe von gut 17 Millionen Euro aus.
Aus gutem Grund. Kundenbeschwerden nähren derzeit weitere Zweifel an der regulatorischen Reife von C24. Immer wieder wurden Anleger zuletzt Opfer von Festgeldbetrug, bei dem Kriminelle den Namen von C24 missbrauchen – weil die Bank zu salopp bei Prüfverfahren agiere, so der Vorwurf. Dubiose Anbieter wie Zinsexpert oder Anlagerepublik werben im Internet damit, für Nutzer ein C24-Festgeldkonto mit besonders hohen Zinsen zu erhalten. Statt der Adresse der Kunden geben Kriminelle allerdings ihre eigene an. Sie erhalten deren Log-in-Daten und Zugriff auf die Kundenkonten.
„Wir vertreten bereits mehrere Mandanten gegen die C24 Bank GmbH, welche Opfer von Festgeldanlagenbetrügern geworden sind, und verlangen das Geld von der Bank zurück“, sagt Rechtsanwalt Matthias Ruigrok van de Werve von der Kanzlei CLLB. Für einen Mandanten, der das Geld eigentlich für seine Altersvorsorge anlegen wollte, erstritt Ruigrok van de Werve ein Urteil am Landgericht Frankfurt am Main, wonach die C24 Bank GmbH die gesamte verloren geglaubte Summe von 100.000 Euro erstatten muss. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. „Das laufende Berufungsverfahren stimmt uns jedoch zuversichtlich“, kommentiert der Anwalt.
Zuvor hatten Kriminelle den Mandanten mit einem festen Zinssatz von 4,3 Prozent bei einer Laufzeit von einem Jahr gelockt. Dieser erscheine laut Ruigrok van de Werve angesichts von Angeboten der Wettbewerber nicht derart exorbitant hoch, dass sich ein Betrug hätte aufdrängen müssen.
C24 Bank sieht sich selbst als Opfer
„Die C24 Bank GmbH bemerkte bei der Kontoeröffnung nicht, dass die Adresse auf dem Ausweis des Mandanten nicht mit der zuvor seitens der Kriminellen angegebenen Anschrift übereinstimmte“, sagt Ruigrok van de Werve. „Wäre die abweichende Anschrift beim Kontoeröffnungsprozess aufgefallen, wäre das Konto nicht eröffnet worden, und es wäre niemals zu diesem Schaden gekommen.“
C24 teilte auf eine Anfrage der WirtschaftsWoche mit, die Betrüger hätten die Sicherheitsverfahren im Vorfeld der Kontoeröffnung nur unter Aufwand höchster krimineller Energie überwinden können. Die Bank sieht sich selbst als Opfer, zudem verbessere man die Sicherheitsverfahren stetig. Gleichzeitig sagt Geschäftsführer Markus Schramm, bei den geschilderten Sachverhalten handele es sich um ein branchenweit verbreitetes, professionell organisiertes Betrugsmuster. „Da die Konten der Betrüger häufig mittels Identitätsdiebstahl eröffnet werden, verteilen sich die Zielkonten der Betrüger nach Kenntnisstand der C24 Bank auch auf eine Vielzahl bekannter Institute im In- und Ausland“, berichtet Schramm.
Konkurrenzdruck durch Revolut und Chase
Das aktuelle Geschäftsmodell scheint auf den ersten Blick kontrollierbar zu sein. Über das kostenlose Girokonto finden viele Kunden zu C24, die keine zehn Euro pro Monat für Bankgeschäfte ausgeben wollen, wie es bei vielen klassischen Anbietern üblich ist. Für die Bank sind die Kunden bei einem Zins von nur 0,75 Prozent auf deren Einlagen zudem nicht besonders teuer, im Gegenteil: Reicht sie die Einlagen an die Europäische Zentralbank (EZB) weiter, erhält sie dort aktuell einen Einlagenzinssatz von 2,25 Prozent. Die Differenz kann C24 einstreichen. Mit einer Einlage von 10.000 Euro kassiert C24 pro Jahr also 150 Euro, ohne jedes Risiko.
Aber: Das funktioniert nur, solange die Zinsen verhältnismäßig hoch sind. Und solange die Kunden bereit sind, allein für die Aussicht auf ein kostenloses Konto auf attraktive Zinssätze zu verzichten, die anderswo verfügbar sind.
Mit der Neobank Revolut und der JP-Morgan-Tochter Chase offerieren derzeit gleich zwei mächtige Player Zinsen von mehr als vier Prozent. Ohne kostenloses Girokonto könne C24 „seine Wachstumsstrategie vergessen. Dies ist einer der Hauptgründe, weshalb Kunden ihre Bank wechseln“, warnt der auf die Bankbranche spezialisierte Berater Peter Barkow.
Nun ist C24 nicht die einzige Neobank, die im Zinsrennen zurückgefallen ist. Auch Trade Republic und Scalable Capital haben auf die 4-Prozent-Offerten bislang nicht reagiert. Doch der Vergleich hinkt: Die beiden Fintechs sind in erster Linie Broker. Sie verdienen auch mit anderen Produkten Geld, vor allem mit dem Handel mit ETFs und Aktien.
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